Presse

Holsteiner Zeitung vom 15.09.2022

Corona-Ängste bei Grundschülern bleiben

Schulsozialarbeiterinnen berichten im Ausschuss über ihre Erfahrungen in Bordesholm und Wattenbek

Bordesholm. Corona verliert ihren Schrecken: Infektionen verlaufen seit Längerem oft harmlos, Zwangsmaßnahmen wie Test- und Maskenpflicht werden zunehmend kritisch gesehen oder gleich ignoriert. In den Grundschulen von Bordesholm und Wattenbek ist der Umgang mit der Atemwegserkrankung inklusive den teils rabiaten Maßnahmen aber weiter ein großes Thema für die Kinder. Im Finanzausschuss des Schulverbands wurde deutlich, dass vor allem Ängste bei den Erst- bis Viertklässlern weit verbreitet sind– mit gravierenden Folgen.

In der Ausschusssitzung ließen die Schulsozialarbeiterinnen Jana Steiner und Petra Grimm ihre Arbeit mit den Jungen und Mädchen während der beiden vergangenen Jahre Revue passieren. Während Jana Steiner bereits seit 2012 auffällige Grundschüler unterstützt, wurde Petra Grimm im März 2020 zusätzlich vom Schulverband eingestellt – zunächst befristet auf zwei Jahre. In ihrem Vortrag machte das Sozialarbeiterinnen-Duo deutlich, dass nach ihren Erfahrungen der Bedarf an Beratung, Unterstützung und Präsenz in den Schulen weiterhin so groß ist, dass die neue 19,5-Stunden-Stelle entfristet werden sollte.

Bereits vor der Ausbreitung von Corona gab es an den Grundschulen Arbeit genug für zwei Unterstützerkräfte, erläuterte Jana Steiner. Mit dem Ausbruch der Coronakrise wuchs die Zahl hilfsbedürftiger Kinder rasant an. „Grundbedürfnisse wie Sicherheit und Eingebundenheit in eine Gruppe wurden erschüttert, Corona war für die Kinder konkret nicht fassbar, sie entwickelten Ängste, die oft diffus blieben und bleiben“, erklärte Jana Steiner, die sich vor allem um die 290 Schüler in Wattenbek und der Außenstelle Brügge kümmert.

Die Diplom-Pädagogin erläuterte eine Studie der Kieler Universitätsklinik, nach der in der ersten Lockdown-Phase jedes dritte Kind an sogenannten generalisierten Ängsten litt. Petra Grimm skizzierte die Folgen dieser Ängste: Die davon betroffenen Kinder werden aggressiv, verweigern die Mitarbeit in der Schule – oder laufen einfach weg. „Die Freude war weg, Kinder wollten nicht mehr in die Schule gehen“, erklärte die Erzieherin, die für die 306 Lindenschüler in Bordesholm aktiv ist.

Der Werkzeugkasten der Schulsozialarbeiterinnen blieb derselbe wie vor Corona: Das Duo nimmt sich Zeit für Gespräche, macht Beratungen und bietet soziales Training in Klassen und Kleingruppen an. „Auch der Beratungsbedarf der Eltern hat in dieser Zeit erheblich zugenommen“, berichtete Petra Grimm, die mit den Schülerinnen und Schülern auch einen Schulgarten angelegt hatte – und dort nächste Woche ein Erntefest anberaumt hat. Für Marc Petersen vom Schulelternbeirat der Lindenschule ist die Schulsozialarbeiterin unverzichtbar geworden: „Bei Problemen ist sie immer ansprechbar, wir Eltern wollen sehr ungern auf sie verzichten.“

Die Unterstützungsarbeit wird trotz des Abbaus der Coronabeschränkungen nicht weniger. „Corona wirkte wie ein Brennglas, es verstärkte die schon vorher existierenden Problemsituationen. Die Folgen werden uns noch länger beschäftigen“, sagte Jana Steiner. Zusätzlich rollten in diesem Jahr die nächsten Krisen auf die Familien zu – erst der Ukrainekrieg und in der Folge die Energiekrise. Der Schulverbandsfinanzausschuss unterstützt mit einer einstimmigen Empfehlung die Entfristung der zweiten Schulsozialarbeitsstelle. Ute Freund, Schulleiterin der Hans-Brüggemann-Gemeinschaftsschule (HBS), findet das gut: „Wir in der HBS profitieren von der guten Schulsozialarbeit in den Grundschulen.“

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Kieler Nachrichten, 13. August 2022